Türkei als Ventil für den Rindermarkt

In der industrialisierten Landwirtschaft geht es darum, möglichst rasch, mit möglichst wenig Sachaufwand, möglichst viel von einem Produkt herzustellen.
Dazu werden Betriebsoptimierungen vorgenommen und produktionshemmende Faktoren minimiert.

 

Einer dieser Faktoren sind in der Milchwirtschaft Bullenkälber (männliche Kälber). Sie geben schlussendlich später keine Milch. Eine gute, tiergerechte Aufzucht kostet Zeit und Geld und noch dazu sind die Preise für Kälber im Keller.

 

Ein Tierarzt, der sich auf Kälberzucht spezialisiert hat, bringt es auf den Punkt: „Ein Bullenkalb wird in Milchviehbeständen stiefmütterlich behandelt, weil es ein Abfallprodukt ist.“*

 

Was also tun mit diesem lebenden Abfallprodukt? Da hat die Landwirtschaftskammer in ihrer hauseigenen Zeitung „Ländle“ einen guten Tipp auf Lager: „Türkei wichtiges Ventil für den Rindermarkt (...) Die Türkei war 2015 auch für Österreich das Hauptexportland für Zuchtrinder.“

Der Bericht besteht aus einer Aufzahlung von nüchternen Fakten und kommentiert die Situation nicht. Dennoch ist klar welche Botschaft gesendet wird: „Die Türkei ist ein guter Markt für deine Bullenkälber!“

 

Mit der offiziellen Vorarlberger Landwirtschaftsstrategie Ökoland 2020 ist diese Botschaft nicht zu vereinbaren. Denn hier wurde vereinbart, dass der Selbstversorgungsgrad bei Fleisch gesteigert werden soll. Bei Rindfleisch wurde gar eine jährliche Zuwachsrate von 5% angestrebt. 

Auch sonst wirft es kein gutes Licht auf die Landwirtschaftskammer. Dabei müsste man glauben, dass hier eine besondere Sensibilität für das Thema vorhanden ist. Sind seit der Causa um die unnötigen Lebendtiertransporte nach Graz doch erst ein paar Monate vergangen. Aber das scheint schon wieder vergessen zu sein.

 

Was aber tun mit Kälbern in Vorarlberg? Vor einigen Monaten habe ich mich intensiv mit der Küche der Landeskrankenhäuser beschäftigt. Hier wurde in der Küche Kalbfleisch aus Süd-Osteuropa eingesetzt. Wäre ich an der Stelle der Landwirtschaftskammer, dann wäre meine erste Tätigkeit, die Schaffung von Strukturen, die es ermöglichen, dass sich Angebot und Nachfrage in Vorarlberg in Zukunft treffen. 
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* S. 52, Tanja Busse, Die Wegwerfkuh, Blessing Verlag, 2015
Natürlich trifft diese Aussage nicht auf alle Milchbetriebe zu. Gerade in Vorarlberg gibt es viele Bäuerinnen und Bauern, die genau diese Entwicklung kritisch sehen und mit aller Kraft entgegenhalten. Diese Betriebe sollten wir vorrangig unterstützen. Wer meint der  industrialisierten Landwirtschaft nachhecheln zu können, der hat schon verloren. Vorarlberg mit seiner besonderen Struktur kann hier nicht mithalten. Die Frage ist auch, ob wir es wollen?  

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